Südengland - Brighton

Dirty Weekends im Raumschiff Enterprise


Mindestens einmal im Monat gehen Bryan Yale und Annie Caulfield am Freitagnachmittag zur Londoner Victoria Station, um in den Connex Express zu steigen, der in rekordverdächtigen 49 Minuten nach Brighton fährt, wo die beiden das Wochenende verbringen. Der Innenarchitekt und die Grafikerin liegen mit ihrem Wochenendtrip voll im Trend. Freitag- und Samstagabend brechen zahlreiche Londoner nach Brighton auf, um sich in den Clubs des Seebads zu amüsieren.


Ein Freizeitvergnügen mit Tradition. Früher wählten Liebespaare Brighton allerdings als Ziel für ein »Dirty Weekend« - gemeint war ein Wochenendausflug in ein plüschiges Hotel, wobei man sich vorzugsweise als Mr. und Mrs. Jones ins Gästebuch eintrug, um alle kompromittierenden Spuren zu verwischen; in den sechziger und siebziger Jahren war das Seebad für die regelmäßig stattfindenden Schlägereien zwischen Mods, Teds und Rockern berüchtigt.

Die bis aufs Blut verfeindeten Jugendgruppen - später kamen auch noch die Punks hinzu - feierten wüste Strandpartys und trugen nebenbei ihre Rivalitäten öffentlich aus. Nur wenn mit der Polizei ein gemeinsamer Feind auftauchte, vergaßen sie ihren Streit und rauften sich zusammen. Die Stimmung jener Jahre wurde in dem Musikfilm »Quadrophenia« der Rockband »The Who« gut eingefangen, in dem der junge Sting in der Hauptrolle zu bewundern ist.

Heute trifft sich die Londoner Szene in Brighton; das traditionsreiche Seebad gilt als »London-by-the-Sea«. Keine andere englische Stadt hat mehr Dancing Clubs pro Einwohner! Allein unterhalb der Promenade wurden in den letzten Jahren mehr als ein Dutzend neue Bars und Discos eröffnet, darunter das Gemini und die benachbarte Cuba Bar, aus deren Boxen Reggae-Rhythmen bis an den Strand dröhnen. An der King's Road und in der Ship Street finden sich weitere Dancing Clubs. Mehrere Londoner DJs reisen jedes Wochenende an, um ihr Können zu demonstrieren.



Selbst die Hotels haben sich auf den neuen Trend eingestellt. Das Pelirocco Hotel beispielsweise wartet mit einer besonderen Attraktion auf: Die Hotellounge besitzt Clubatmosphäre, alle Räume sind individuell eingerichtet und zitieren Themen aus der Rock- und Popgeschichte. Wer schon immer einmal mit Graffiti an den Wänden und einem Modell des Raumschiff Enterprise als Telefon einschlafen wollte, ist hier genau richtig. Zum ungewöhnlichen Komfort gehört auch eine Playstation auf jedem Zimmer.

Historische Atmosphäre strahlt hingegen das Fischerviertel »The Lanes« aus, das sich rund um den Brighton Square erstreckt. Schmale Gassen, gesäumt von Boutiquen, Restaurants, Cafés, Antiquitäten- und Schmuckgeschäften laden zu einem ausgedehnten Bummel ein.

Ein Stückchen weiter nördlich lässt sich die Einkaufstour durch die North Laine fortsetzen. Die besten, der rund 300 Läden liegen entlang der Gardener Street, die weiter nördlich in die Kensington Gardens und die Sydney Street übergeht. Das Angebot ist sehr vielfältig, selbst ein »vegetarisches Schuhgeschäft« hat sich niedergelassen.

Wer Lust hat, kann auch mit der elektrischen »Volks Railway« entlang der Küste bis Brighton Marina fahren. Der Yachthafen zählt zu den größten in Europa; rund 2000 Boote schaukeln im Wasser des Hafenbeckens. Interessant ist auch ein Spaziergang durch Kemp Town, ein trendiges Stadtviertel zwischen Palace Pier und Brighton Marina mit kleinen Geschäften, darunter mehrere Second-Hand-Bookshops.

Kemp Town besitzt zudem eine besonders lebendige Gay Community, die sich im Sommer vorzugsweise am Nacktbadestrand tummelt. Für die Journalistin und bekennende Lesbierin Julie Burchill ist Brighton »the sexiest place in England«. Dementsprechend vielseitig und aufregend ist das Nachtleben.

Ein Klassiker ist natürlich der mehr als 550 Meter ins Meer hinausragende Palace Pier. Im Jahre 1899 eingeweiht und im folgenden Jahrzehnt um ein Theater und einen Pavillon erweitert, ist er zusammen mit dem Royal Pavilion das Symbol der Badestadt Brighton. Nachdem der Pier im Zweiten Weltkrieg arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, erstrahlt er seit seiner letzten Renovierung wieder im alten Glanz. Noch heute ist der berühmte Steg, der nachts von 13.000 Glühbirnen illuminiert wird, ein Vergnügungstreff mit Spielhallen, Geschäften, Fish 'n' Chips-Buden und Eisdielen.

Der ein paar hundert Meter entfernte West Pier ist der älteste noch erhaltene Pier Englands. Als Napoléon III. 1870 dort landete, sprach er vom »schönsten Bauwerk Britanniens«. Auch in literarischer Hinsicht hat er seine Spuren hinterlassen, so in Graham Greenes Roman »Brighton Rock« (»Am Abgrund des Lebens«). Cineasten werden sich hingegen an Richard Attenboroughs 1968 gedrehten Film »Oh! What a Lovely War« erinnern.

Seit dem Zweiten Weltkrieg verfiel der West Pier allerdings unaufhaltsam und wurde 1975 für die Öffentlichkeit geschlossen. Jahrzehntelang lag der Landungssteg wie ein angeschlagener Ozeandampfer vor Anker, erst dann entschlossen sich die Verantwortlichen zu einer 30 Millionen Pfund teueren »Rettungsaktion«. Doch hatte niemand mit den Winterstürmen gerechnet, die dem West Pier im Dezember 2002 so sehr zusetzten, dass er jetzt endgültig unterzugehen droht. Auf alle Fälle wird die Renovierung nun um ein Vielfaches teurer werden.

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