Vom Schiffsmastenwald zum Yoghurtbecher, ein Besuch in Le Havre


Der Wind pfeift kalt durch die Straßenfluchten, so dass man die Schultern zusammenzieht und den Kragen hochstülpt. Ein ungemütlicher Sommertag, am Morgen hatte es noch geregnet und auf dem nassen Asphalt spiegeln sich die Wolken. Ein paar Möwen kreischen, und die breiten Alleen mit ihren abweisenden Häuserfronten bieten kaum Schutz gegen die heftigen Windböen, die über den Ärmelkanal fegen.

Wie ein überdimensionaler Signalmast weist der markante, mehr als hundert Meter hohe Turm der Saint-Joseph-Kirche den Weg vom Yachthafen in die Innenstadt von Le Havre. Doch je näher man kommt, desto banaler wirkt die Architektur des in den 1950er-Jahren errichteten Betonbaus mit seinen abertausenden bunten Glasfenstern.

Dass der Mont Saint-Michel zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, ist gemeinhin bekannt, dass aber Le Havre als zweiter normannischer Ort in diesen ehrwürdigen Kreis aufgenommen wurde, ruft auf den ersten Blick Verwunderung hervor.



Die schwer beschädigte Eingangspforte zum europäischen Kontinent

Le Havre ist eine Stadt vom Reißbrett: Im Jahre 1517 von dem französischen König François I. gegründet – der Hafen von Honfleur drohte immer mehr zu versanden, zudem wollte man die Seinemündung militärisch absichern –, entwickelte sich Le Havre nach verhaltenen Anfängen zu einer für den französischen Überseehandel sehr wichtigen Hafen- und Handelsstadt. Schon Victor Hugo rühmte den „Schiffmastenwald“, der hier vor Anker lag. Später legten die von New York kommenden großen Transatlantikdampfer, von Schleppkähnen eskortiert, an den Hafenkais an, die Stadt war die Eingangspforte zum europäischen Kontinent.

Fatalerweise geriet Le Havre im Zweiten Weltkrieg aufgrund seiner Bedeutung als Hafenstadt in den Fokus der Alliierten. Die Bombardements der englischen Luftwaffe leisteten ganze Arbeit: Innerhalb kürzester Zeit lag Le Havre in Schutt und Asche, obwohl sich die Deutschen oberhalb der Stadt verschanzt hatten.

Mehr als 5.000 Einwohner kamen bei den Luftangriffen ums Leben und der dem Hafen zugewandte, historische Teil von Le Havre wurde vollkommen zerstört. Es ist kaum möglich, mehr als zehn Häuser zu entdecken, die älter als 50 Jahre sind; einzig die schwerbeschädigte Cathédrale Notre-Dame wurde wieder instandgesetzt.

Als der Schriftsteller Julien Green im September 1945 nach Le Havre kam, zeigte er sich tief betroffen: „Ein entsetzlicher Anblick: Große, völlig verlassene Stadt; lange Reihen leerer Häuser, die kurz vor dem Einsturz stehen. Straßen um Straßen, und niemand auf diesen Straßen. Im zerstörten Hafen eine von den Amerikanern installierte Hafenmauer aus Metall.“ Wer heute durch das einstige Hafenviertel von Le Havre streift, braucht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass Jean-Paul Sartre 1931 während seiner Zeit als Philosophielehrer in Le Havre seine Liebe zu den Cafés entdeckt haben soll.

Direkt beim Fischmarkt kann man noch eines der alten Kaufmannshäuser bewundern; es ist eines der ungewöhnlichsten Häuser Frankreichs und geht auf Festungsbaumeister Paul-Michel Thibault zurück (1790), der einen ungewöhnlichen achteckigen Lichthof ins Zentrum seines vierstöckigen Hauses rückte, um den herum er die Zimmer kreisförmig anordnete. Nach seinem Tod 1799 erwarb ein reicher Kaufmann das Haus, der die Einrichtung des Gebäudes umfassend erneuerte. Hinter einer klassizistischen Fassade erwartet den Besucher heute ein märchenhaft anmutendes Interieur mit Küche, Lesezimmer, Bibliothek, Kartenraum, Salon, Alkovenschlafzimmer und Gästezimmer, allesamt reich verziert, sowie zwei Treppenhäusern.

Übersichtlichkeit, Einfachheit und Helligkeit: 250 Hektar für 60.000 Menschen

Planstadt zweiter Teil: Für den Pariser Architekten Auguste Perret (1874 –1954) war die Trümmerwüste, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte, die große Herausforderung seines Lebens: Basierend auf den Grundprinzipien Übersichtlichkeit, Einfachheit und Helligkeit schuf der „Meister des Stahlbetons“ auf einer Fläche von 250 Hektar ein neues Stadtzentrum, das mit seinem durchdachten Verhältnis von bebauten und unbebauten Flächen als gelungen bezeichnet werden kann. Das Zentrum besteht aus 200 quadratischen Häuserblöcken mit dezenter Ornamentik, die der Höhe nach angeordnet sind und eine Seitenlänge von je 100, 50 oder 25 Metern besitzen. Insgesamt entstand ab 1947 Wohnraum für 60.000 Menschen sowie Verwaltungsgebäude, Schulen, Kirchen und Hafenanlagen.

Die breiten Straßenfluchten von Le Havre sind zwar nicht der richtige Ort, um einen Jahresurlaub zu verbringen, doch wenn man sich auf das anfänglich unzugängliche Stadtbild einlässt, stellt sich eine gewisse Faszination ein. Vor allem die überdachten Galerien entlang der Rue de Paris laden zum Bummeln ein, sind sie doch der Pariser Rue de Rivoli nachempfunden. Es gibt aber auch kritische Stimmen, die Perret vorwerfen, die Stadt ihrer Seele beraubt zu haben. Und richtig: Über vielen Straßenzügen liegt eine eigenartige Leere. Betrachtet man die für Frankreich überraschend niedrigen Wohnungspreise in Le Havre, so scheint sich darin auch keine besondere Begeisterung für Perrets Wiederaufbau zu spiegeln.

Unweit des wuchtigen Rathauses bietet sich die Möglichkeit, in die Wohnwelt der 1950er-Jahre einzutauchen, denn im ersten Stock eines Perret-Gebäudes wurde eine Museumswohnung (Appartement Témoin) eingerichtet. Auf 99 Quadratmetern entfaltet sich ein für die damalige Zeit ungewöhnlicher Wohnkomfort mit einem repräsentativen Wohnzimmer sowie Arbeitszimmer, Kinderzimmer, Elternschlafzimmer, einer Küche mit dem damaligen technischen Equipment und einem bunten Bad. Große bodentiefe Fenster sorgen für viel Licht, die Raumaufteilung der Perret-Wohnungen ist flexibel, da die Stahlbetonkonstruktion nur wenige tragende Wände benötigt. Das von den Bürgern Le Havres gespendete Originalmobiliar wurde teilweise speziell für den Platzbedarf der Nachkriegswohnungen entworfen.



Ein architektonischer Reigen bis in die Gegenwart

Nur einen Steinwurf weit entfernt, ragt das Bassin de Commerce ins Stadtzentrum hinein. Der Himmel hat sich aufgeklärt und ein paar Schüler lernen in dem Hafenbecken das Segeln auf kleinen Übungsbooten. Eine filigrane Fußgängerhängebrücke spannt sich über das Wasser und gewährt einen guten Überblick über die Stadt und die Place de Commerce, die von einem schneeweißen Gebäude dominiert wird.

Durch dieses futuristische Bauwerk, das vom Volksmund "Großer Vulkan" oder "Yoghurtbecher" genannt wird, gehört Le Havre zu den wenigen europäischen Städten, in denen Oscar Niemeyer, der Schöpfer der brasilianischen Retortenhauptstadt Brasilia, seine Handschrift hinterlassen hat. Das 1982 eröffnete Kulturzentrum mit Theater, Kinosälen und Ausstellungsräumen wurde nach seinen Plänen erstellt. Niemeyer griff dabei auf runde und asymmetrische Formen zurück, die in einem krassen Gegensatz zu der ansonsten geometrisch konzipierten Stadt stehen.

Doch Le Havre hat noch mehr zu bieten: Der architektonische Reigen setzt sich bis in die Gegenwart fort. Um das Image der zum Weltkulturerbe (2005) ernannten Stadt aufzupeppen, wurden die stadtnahen Docks Vauban, in denen man einst vor allem Baumwolle, Zucker und Kaffee lagerte, im Rahmen eines großzügigen Urbanisierungsprojekts in ein Freizeit- und Kulturzentrum umgewandelt. Ein Kinokomplex entstand und der Pariser Stararchitekt Jean Nouvel hat einen ungewöhnlichen Badetempel entworfen.

Nouvels Bains des Docks sind von römischen Thermalbädern inspiriert und präsentieren sich als ein puristischer Bau, der ganz in Weiß gehalten ist. Der mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnete Nouvel hat verschiedene Quader und Kuben zusammengefügt, in die einzelne Wasserbecken eingesetzt wurden. Das Ergebnis ist ein architektonisches Schmuckstück mit großem Gebrauchswert, denn man kann das ganze Jahr über in dem beheizten 50-Meter-Außenbecken seine Bahnen ziehen. Ein modernes Wohnquartier mit Cafés, Restaurants sowie Galerien soll folgen und ein 120 Meter hoher Museumsturm ist projektiert. Le Havre ist für die Zukunft gerüstet.

Information
Office de Tourisme, 186, boulevard Clemenceau, BP 649, 76059 Le Havre Cedex, Tel. 0033/(0)232740404. www.lehavretourisme.com.

Anreise
Regelmäßige Zugverbindungen nach Rouen und weiter nach Paris (Saint-Lazare). Der Flughafen (Aéroport Le Havre-Octeville) liegt ein paar Kilometer nördlich der Stadt und wird von Air France via Lyon von Düsseldorf, Hamburg, Stuttgart und München angeflogen. www.havre.aeroport.fr.

L'Appartement Témoin
Ilot V40, ISAI du Havre. Treffpunkt für Besichtigungen ist: 1, place de l’Hôtel de Ville. Führungen: Mi, Sa, So um 14, 15, 16 und 17 Uhr. Eintritt: 3 €, erm. 2 € bzw. am ersten Samstag im Monat frei!

Maison de l’Armateur
3, quai de l’Ile. Geöffnet: Tgl. außer Do 11–18 Uhr, Mi ab 14 Uhr. Eintritt: 3 €, erm. 2 €. Am ersten Samstag im Monat frei!

Bains des Docks
Quai de la Réunion, Eintritt ab 5 €. Für die Nutzung der römischen Bäder mit Sauna, Dampfbad und Sprudelbecken werden weitere 12 € erhoben. www.lesbainsdesdocks.com.

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