Provence und Côte d'Azur

Pazifistische Stierkämpfer oder Die unblutige Jagd nach der Cocarde

Es gibt Riten und kulturelle Gewohnheiten, die über Jahrtausende hinweg tradiert werden. In Südeuropa beispielsweise besitzt der Stierkult einen quasi religiösen Status, der sich heute vor allem im Stierkampf offenbart. Auch im Rhônedelta, das lange Zeit zur Grafschaft Barcelona gehörte, wird diese Tradition durch die beliebte Course Camarguaise noch immer gepflegt.

Doch unterscheidet sich der provenzalische Stierkampf von der spanischen Corrida in dem wichtigen Punkt, dass der Stier - in den allermeisten Fällen handelt es sich genau genommen um einen Ochsen - die Arena lebendig verlässt und daher, falls er sich angriffslustig zeigt, mehrmals zum Kampf antritt.

Die schwarzen Stiere mit ihren lyraförmigen Hörnern, die neben den weißen Pferden und den rosafarbenen Flamingos zum typischen Bild der Camargue gehören, werden übrigens von den Manadiers eigens für den unblutigen provençalischen Stierkampf gezüchtet. Im Alter zwischen drei und fünf Jahren sehen die Stiere zum erstenmal eine Arena von Innen. Nur wenn sich ein Tier als zu sanft erweist, endet es als kulinarische Spezialität, beispielsweise als Gardiane, einem in Rotwein simmernden Stierragout, dessen Qualität an der Dickflüssigkeit seiner Soße gemessen wird.

In den letzten Jahren hat die Begeisterung für die Course Camarguaise zugenommen, so dass geübte Razeteurs wie Gérald Rado damit ihren Lebensunterhalt verdienen können. Rado, der seit seinem vierzehnten Lebensjahr nach der Cocarde jagt, gehört zu den bekanntesten Razeteurs der Provence, die an den ganz großen Kämpfen teilnehmen und ihre jugendliche Geschicklichkeit in der Saison, die an Ostern beginnt und bis weit in den Spätherbst dauert, stets aufs neue eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Mehrmals pro Monat ziehen die modernen Gladiatoren unter dem Jubel der Zuschauer in die römische Arena von Arles ein; allerdings sind die provenzalischen Gladiatoren nicht halbnackt und auf den Tod ihres Gegners aus; sie heißen Razeteurs, tragen weiße Polohemden und haben einzig die Cocarde, den zwischen den Hörnern des Stieres angebrachten Kopfschmuck, im Visier.

Wenn der Stier zum Kampf bereit ist, senkt er seinen Kopf, wirft mit den Vorderhufen Sand nach hinten, um urplötzlich seine mehr als 300 Kilo geballte Muskelkraft in Bewegung zu setzen. Die von allen Seiten auf das schwarze Ungetüm losstürmenden Razeteurs versuchen auf möglichst elegante Weise, die Corcarde mit einem Eisenkratzer zu entwenden, ohne vom Stier verletzt zu werden. Gelingt es einem von ihnen, die an den Hörnern befestigten Bänder zu durchtrennen, tobt die Arena.

Insgesamt dauert ein "Kampf" höchstens fünfzehn Minuten. Die Razeteurs wetteifern um verschiedene Geldpreise: So wird der Mut des Razeteurs, der zuerst den Stier berührt, mit einer Extraprämie von ein paar hundert Franc belohnt. Erweist sich der Stier als besonders temperamentvoll und ausdauernd, verkündet der Sprecher, dass der zumeist von lokalen Unternehmen gesponserte Preis für die Cocarde gestiegen ist. Konnte die Cocarde bis kurz vor Schluss noch nicht erobert werden, wird der Geldpreis in der letzten Minute erneut erhöht, um die Spannung und den Anreiz für die Razeteurs noch einmal zu steigern.

Manchmal gelingt es den Razeteurs erst in der sprichwörtlich letzten Sekunde, sich vor den Hörnern des Stiers in Sicherheit zu bringen, in dem sie sich mit einem atemberaubenden Hechtsprung über die rote Barriere retten. Verständlich, dass die meisten Verletzungen, die die Helden der Arena erleiden, neben Fleischwunden vor allem Knochenbrüche und Prellungen sind. Doch ohne Blessuren kommt kaum einer durch die Saison. Der Lohn der Angst ist ein Salär von umgerechnet mehr als 50.000 Euro pro Jahr sowie Blicke voll ehrfürchtiger Bewunderung.

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