Provence und Côte d'Azur

Cepoun de la Bravade - der wahre Herrscher von Saint-Tropez

Statt am Hafen drängen sich die Menschen auf dem kleinen Platz vor dem Rathaus von Saint-Tropez. Pulverdampf liegt in der Luft, es fallen ein paar kurze Kommandos, unterbrochen von Trommelwirbel. Schließlich setzt sich eine feierliche Prozession in Bewegung. Begleitet wird das Spektakel von einem ohrenbetäubenden Gefechtslärm, der in allen Gassen der Altstadt zu hören ist. Die Bravade hat begonnen!

Zwischen der Zitadelle und dem Alten Hafen findet man drei Tage lang kaum eine ruhige Ecke. Vom Jet-Set, der sich sonst so gerne in dem mondänen Fischerdorf trifft, ist nichts zu sehen. Auch wenn das Getöse einmal kurz verstummt, sind kaum Fremde auszumachen, stattdessen ist überall der schwungvolle, provenzalische Dialekt zu hören.

Die Bravade, die alljährlich vom 16. bis 18. Mai stattfindet, ist nicht nur eine Veranstaltung mit langer Tradition - dieses Jahr wird bereits die 446. Bravade gefeiert! -, sondern das einzige Ereignis, bei dem die Einheimischen gewissermaßen unter sich sind, da nur gebürtige Tropezianer aktiv an den Umzügen teilnehmen dürfen.

Mit Inbrunst und großer Anteilnahme nahezu aller Einheimischen wird mit der dreitägigen Bravade an das Martyrium des Stadtheiligen San Torpès erinnert. Glaubt man der Legende, so leitet sich der Name der Stadt und ihrer zugehörigen Bucht von einem römischen Offizier namens Torpès ab, der zur Zeit Neros in Pisa aufgrund seines Glaubens enthauptet wurde. Der kopflose Leichnam des Märtyrers - so jedenfalls will es die lokale Überlieferung - wurde zusammen mit einem Huhn und einem Hahn in eine Barke gelegt und am Hafen des heutigen Saint-Tropez angespült.

Die Legende könnte durchaus einen wahren Kern haben, wie der Pfarrer von Saint-Tropez vor ein paar Jahren eindrucksvoll demonstriert hat: Auf einer Pilgerreise warf er eine Plastikflasche mit seiner Visitenkarte in den Arno. Drei Wochen später wurde sie im La-Ponche-Viertel an den Strand gespült.

Wahrheit hin, Legende her - das lautstarke Fest zu Ehren des Stadtheiligen beginnt am 16. Mai um 15 Uhr mit der Waffenweihe vor dem Rathaus, bevor die als Seeleute kostümierten Einheimischen, angeführt durch den Cepoun, in einem ersten lärmenden Aufmarsch (der so genannten »Bravade«) zur Kathedrale ziehen und mit der Büste des Heiligen zurückkehren.

Der wie die Seeleute in eine weiß-blau-rote Uniform gekleidete Cepoun ist zugleich Vorsitzender des 1921 gegründeten Vereins der Bravade-Freunde, der mehr als 2000 Mitglieder zählt. Eine stattliche Zahl, vor allem wenn man bedenkt, dass jeder dritte Einwohner von Saint-Tropez ein Vereinsmitglied ist!

Seit dem Jahr 2000 steht Patrice de Colmont, der Patron des legendären Strandrestaurants »Club 55«, an der Spitze der »Association des Amis de la Bravade«. Der Cepoun - das provenzalische Wort bedeutet so viel wie Unterstützung - wird auf Lebenszeit gewählt; einst stand ihm allein das Recht zu, den Kapitän der tropezianischen Flotte zu bestimmen. In der öffentlichen Meinung hat Patrice de Colmont daher ein ehrenvolleres Amt inne als der Bürgermeister von Saint-Tropez. Colmonts Vorgänger übte den prestigeträchtigen Vorsitz übrigens 35 Jahre lang aus!

Den eigentlichen Höhepunkt der Feierlichkeiten stellt die am zweiten Tag stattfindende »Grande Bravade« dar. Von 16 Uhr bis Mitternacht defilieren die Teilnehmer mit Stolz geschwellter Brust im Gleichschritt durch die Stadt. Begleitet vom nicht aussetzenden Trommelstakkato donnert ein stetes Geknalle durch die Gassen von Saint-Tropez.

Irgendwann zehren die Böllerschüsse allerdings an den Nerven; sie scheinen kein Ende zu nehmen, jagen die Bravadeure doch mehr als 400 Kilogramm Schießpulver in die Luft. Aber auch danach ist noch kein Ende der Feierlichkeiten abzusehen: In den Cafés und Kneipen wird munter weiter gefeiert, erst in den frühen Morgenstunden kommt die Stadt allmählich zur Ruhe.

Am 18. Mai versammeln sich alle Teilnehmer schließlich bei einer Messe in der Kapelle Sainte-Anne, wo die Reliquie des Stadtheiligen aufbewahrt wird. Nun kehrt langsam der Alltag ein und Saint-Tropez »gehört« wieder den Touristen, die im Café Sénéquier und im benachbarten Gorille sitzen, um das Treiben am Hafenkai und auf den Luxusyachten zu beobachten.

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