Provence - Die Ballade von Ellen und Ernest Gerstel

Die Librairie Gerstel – ein Stück Exilgeschichte

Direkt am alten Hafen von Saint-Tropez, der in den Sommermonaten den Luxusjachten und ihren Bewunderern vorbehalten ist, zweigt ein kleines Gässchen, die Rue Georges Clémenceau, ab und schlängelt sich zum Place Carnot. Wenn man die Gasse vom Hafen her betritt, ist es allzu leicht, das erste unscheinbare Haus auf der rechten Seite zu übersehen. Nur das mit dunkelbrauner Farbe über die beiden Fenster gemalte librairie wies noch ein paar Jahre auf die einstige Buchhandlung Gerstel hin, die im Herbst 1994 aufgegeben wurde (heute werden hier Klamotten feilgeboten). Mit der Aufgabe der Buchhandlung Gerstel ging auch eine Episode deutschen Exils in Frankreich zu Ende.

Die damalige Besitzerin Ellen Gerstel war nämlich eine gebürtige Berlinerin, die im August 1933, wenige Monate nach der Machtergreifung Hitlers, Berlin verlassen hatte, um mit ihrem zukünftigen Ehemann Ernest nach Paris zu gehen. Noch 1914 war Ernest Gerstel, wie so viele andere Deutsche jüdischen Glaubens, freiwillig und voller Überzeugung in den Krieg gezogen, um für sein Vaterland zu kämpfen. In den Monaten nach der nationalsozialistischen Machtübernahme war dem gebürtigen Nürnberger schnell klar geworden, dass er Deutschland verlassen musste.



Mit dem Kriegsausbruch im September 1939 gestaltete sich die Lage zunehmend kritischer. Ernest Gerstel wurde als Staatenloser deutscher Herkunft in der Nähe von Bourges in Mittelfrankreich interniert. Im Mai 1940 ereilte Ellen Gerstel das gleiche Los: Erst wurde sie dreizehn Tage mit 12.000 weiteren Frauen ins Pariser Vélodrome d'Hiver, einer überdachten Radrennbahn, gepfercht und schließlich in das berüchtigte Lager „Gurs“ in die Pyrenäen gebracht, in dem sich auch Marta Feuchtwanger und viele andere deutsche Frauen befanden.

Am 13. Juli 1940, wenige Wochen nachdem in Frankreich die Waffen verstummt waren, erfolgte ihre Befreiung. Ernest war in der Zwischenzeit in die Fremdenlegion eingetreten; allerdings mehr zwangsweise denn freiwillig, da ihm die französischen Behörden keine andere Wahl gelassen hatten, um einer weiteren Internierung zu entgehen. Ein knappes Jahr später wurde Ernest Gerstel in Saint-Tropez aus der Fremdenlegion entlassen, da er glücklicherweise eine feste Adresse in der unbesetzten Zone nachweisen konnte.

Im April 1941 war das Ehepaar endlich wieder vereint. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre hatten sie alles verloren, doch lebten sie hier in Saint-Tropez in Freiheit und Sicherheit – vorerst. Die ersten Monate waren hart; sie wohnten zusammen in einem einzigen, engen Zimmer, verfügten weder über Tisch noch Herd und nur selten konnten sie sich eine richtige Mahlzeit leisten. Doch es ging aufwärts. Ernest Gerstel, der in München Kunstgeschichte studiert hatte, fand eine Beschäftigung als Verkäufer in der Buchhandlung Denis. Sein Gehalt war nicht üppig; er verdiente nur zehn Prozent von jedem von ihm verkauften Buch. Nicht viel, doch immerhin ein Anfang.

Ellen Gerstel, die als Landarbeiterin untergekommen war, steuerte hauptsächlich Nahrungsmittel zum gemeinsamen Unterhalt bei. Noch vor Ankunft der deutschen Truppen in Saint-Tropez konnten sich die Gerstels falsche Papiere besorgen. Die Hilfsbereitschaft der Einheimischen war dabei enorm. Auf dem Gemeindeamt stellte man ihnen Pässe auf den Namen des Besitzers der Buchhandlung Denis aus. Selbst der von der Vichy-Regierung ernannte Bürgermeister deckte beide. Im November 1942 wurde Saint-Tropez besetzt. Ernest musste sich beinahe zwei Jahre lang in dem im La-Ponche-Viertel gelegenen Zimmer verstecken. Aber auch jetzt halfen Nachbarn und neu gewonnene Freunde. Eine Nachbarin lieh ihnen ein Radiogerät, so konnte Ernest in seinem Versteck wenigstens die Nachrichten verfolgen.

Am 15. August 1944 war es soweit: Saint-Tropez wurde von amerikanischen Truppen nach einem heftigen Kampf, in dem viele Häuser am Hafen stark beschädigt wurden, befreit. Noch ein halbes Jahrhundert später leuchteten Ellen Gerstels Augen, als sie von diesem wichtigen Ereignis erzählte: Auf den Tag genau elf Jahre nachdem sie Berlin verlassen hatten, konnte das Leben der Gerstels wieder in geregelten Bahnen verlaufen.

Ein Entschluss stand fest: Auch nach Kriegsende wollten die Gerstels in Saint-Tropez bleiben. 1948 erfolgte die kostenlose Einbürgerung und beide wurden von ganzem Herzen französische Staatsbürger. Vier Jahre später übergab ihnen Herr Denis die Geschäftsführung seiner Buchhandlung. Dadurch verfügten sie über eine gesicherte Existenzgrundlage. Ernest und Ellen Gerstel konnten nun auch das Sortiment ganz nach ihren Vorstellungen gestalten. Ein breites Angebot an guter französischer, englischer und deutscher Literatur füllte die schlichten, provisorisch wirkenden Regale der kleinen Buchhandlung, die sich nur über zwei Räume erstreckte. Schnell wurde die Buchhandlung in der Rue Georges Clémenceau zu einer bekannten Adresse. Marlene Dietrich war in den fünfziger Jahren ein häufiger und gern gesehener Gast. Inkognito, das Gesicht hinter einer dunklen, modisch geschwungenen Sonnenbrille verborgen, kam sie oft zum Schmökern hierher. „Die Dietrich“ („Marlene Dietrich legte immer nur in Begleitung eines einzigen Matrosen im Hafen von Saint-Tropez an ...“) war aber nicht der einzige prominente Kunde. Das Besucherbuch liest sich wie ein who is who der fünfziger und sechziger Jahre. Pablo Picasso und Max Ernst gehörten genauso zu ihren Kunden wie Walter Mehring und der frankophile Sozialdemokrat Carlo Schmid, zu dem Ellen Gerstel ein besonders herzliches Verhältnis unterhielt. Nirgendwo sonst, so stellte Ellen Gerstel im Rückblick bewegt fest, hätte sie ein so erfülltes und ereignisreiches Leben führen können wie in Saint-Tropez.

Durch den einsetzenden Massentourismus hatte sich manches auch zum Negativen hin verändert, wie Ellen Gerstel bedauerte, jedoch profitierte ihre Buchhandlung auch davon: „Mehr Touristen bedeuteten natürlich auch mehr Umsatz.“ Seit 1966, dem Jahr, als ihr Mann gestorben war, hatte Frau Gerstel die Buchhandlung alleine weitergeführt; im fortgeschrittenen Alter brachte sie nicht mehr die Kraft auf, das Geschäft zu leiten. Es waren vor allem die Augen, die den Dienst versagten. Ein Interessent, der die Buchhandlung übernehmen wollte, war nicht zu finden. Dies lag auch daran, wie Ellen Gerstel 1994 ein Jahr vor ihrem Tod wehmütig feststellte, dass es in den letzten Jahren immer schwerer wurde, gute Literatur zu verkaufen: „Das Publikum hat sich stark verändert. Heute wird in den Ferien wesentlich weniger gelesen und wenn, dann hauptsächlich Trivialliteratur.“ Der Abschied von den Büchern und ihrer Buchhandlung schmerzte Ellen Gerstel verständlicherweise sehr. Und wer schon einmal in der Librairie Gerstel ein Buch gesucht und gefunden hatte, wird verstehen warum.

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